Anti-Spiegel
Interview mit Frontkommandant
„Wir haben viele Marder-Panzer abgeschossen“
Ich konnte in Kursk einen sehr erfahrenen Frontkommandanten interviewen, den ich schon von früheren Reisen kannte. Er hat mir einen sehr interessanten Einblick in die Lage an der Front gegeben.

von Anti-Spiegel
3. September 2024 12:14 Uhr
In Donezk gibt es eine Einheit, die wie eine Legende verehrt wird und gleiches gilt für ihren Kommandanten. Die Einheit heißt „Pjatnaschka“ und wird auch die „Internationale“ genannt, weil sie sich aus Freiwilligen aus buchstäblich aller Herren Länder zusammensetzt. Ihr Kommandant Archa Avidsba ist eine lebende Legende, denn er gehört noch zu Rebellen der ersten Stunde, die Donezk schon 2014 gegen die aus Kiew geschickten Panzer verteidigt haben. Er ist meines Wissens der letzte von den berühmten Rebellen der Zeit, der noch lebt.
Archa Avidsba
Ich habe ihn schon vor einem Jahr kennengelernt, als ich mit Alina Lipp bei Awdejewka in den Schützengräben der ersten Frontlinie nur 80 Meter von den Ukrainern entfernt war. Er war es, der die Verantwortung übernommen hat, Ausländer so weit nach vorne zu lassen, wie es kaum ein anderer Kommandant tun würde.
Archa ist eine faszinierende Persönlichkeit, denn obwohl er zehn Jahre Krieg erlebt hat, ist er ein ausgesprochen empathischer Mensch, der keinerlei Hass verspürt. Er sieht sich im Kampf gegen den Faschismus und lehnt es sogar ab, über die Nationalitäten seiner Gegner zu sprechen. Als ich ihn beispielsweise nach polnischen Söldnern gefragt habe, die sich laut Aussagen von Flüchtlingen „bestialisch“ benommen haben sollen, sagte Archa dazu nur, er gebe denen keine Nationalitäten. Es seien nicht „die Polen“, gegen die er kämpft, sondern Faschisten. Darunter seien vielleicht einige durchgeknallte und radikale Polen, aber das seien eben Spinner, die nicht für das ganze polnische Volk stehen.
Genauso äußerte er sich über Flüchtlinge. Als ich ihn danach gefragt habe, ob er eine Prognose geben könnte, wann die Flüchtlinge in die ukrainisch besetzte Stadt Sudscha zurückkehren können, fragte er nur:
„Wieso Sudscha? Und was ist mit Kiew? Sind das etwa keine Flüchtlinge? Für mich sind alle Flüchtlinge gleich, egal, ob sie aus Lwow oder Sudscha kommen, sie sind alle Flüchtlinge, die wieder nach Hause wollen. Hauptsache, wir müssen nicht irgendwann auch noch Flüchtlinge nach Berlin bringen.“
Es ist faszinierend, wie ein Mann nach zehn Jahren Krieg so eine Ausgeglichenheit ausstrahlen kann und dabei so empathisch und frei von Vorurteilen und Hass bleiben konnte.
Vor einem Jahr hat er mir erzählt, wie wichtig es für ihn und seine Einheit ist, Kriegsgefangene gut zu behandeln. Das war ihm sehr wichtig, denn er sagte, das mache den Unterschied zwischen „denen“ und „uns“ aus. Auch wenn es nach einem heftigen Kampf in den Fingern jucken mag, legt er Wert darauf, dass seine Einheit Menschlichkeit ganz vorne an stellt, was sich vor allem im Umgang mit Kriegsgefangenen zeige.
Verlegung nach Kursk
Als die Ukraine am 6. August in Kursk einmarschiert ist, wurde die Pjatnaschka umgehend angefordert. Sie gilt als erfahrene und hochmotivierte Eliteeinheit. Wie mir die Pressesprecherin der Einheit sagte, hatten sie genug Reserven schwere Waffen im Hinterland, die sie sofort nach Kursk schicken konnten, ohne Einheiten von der Front bei Donezk abziehen zu müssen.
Sie erzählte auch, dass die Ukraine gemeldet hatte, dass sie Kolonnen der Pjatnaschka auf dem Weg nach Kursk bombardiert und vernichtet habe. Das sei allerdings nur wieder ukrainische Propaganda gewesen, denn es habe keinen Beschuss gegeben. Und sie habe daraufhin sofort mit freundlichen Grüßen in Richtung Kiew Videos der unbeschädigten Kolonnen vor Kursker Wahrzeichen veröffentlicht.
Sie erzählte die Geschichte lachend, denn offenbar ist der tausend Kilometer lange Marsch nach Kursk, den sie mit Panzern, Artillerie und so weiter innerhalb eines Tages geschafft haben, recht chaotisch gewesen. Weil in der Einheit praktisch nur Ausländer dienen, haben sich Teile der Kolonne beispielsweise bei Woronesch verfahren, sagte sie lachend. Aber vielleicht sei eben dieses Chaos auch der Grund gewesen, warum die Kolonne nicht beschossen wurde, weil zeitweise niemand, nicht mal die Kommandanten, genau gewusst hätten, wo ihre Kolonnen gerade waren. Jedenfalls sei die Einheit schon einen Tag später in voller Kampfbereitschaft an der Front in Kursk gewesen und habe in die Kämpfe eingegriffen.
Die Lage an der Front
Ich habe schon berichtet dass sich der Krieg in Kursk sehr von dem unterscheidet, was ich im Donbass kennengelernt habe, denn in Kursk gibt es teilweise keine feste Frontlinie. Es gibt Gebiete, die von der Ukraine gehalten werden, aber die Frontlinie war zunächst uneindeutig, weil die ukrainischen Truppen in kleinen Gruppen weiter vorgedrungen sind, sodass teilweise in einem Waldstück Ukrainer saßen, im nächsten Russen, im folgenden wieder Ukrainer und so weiter.
Ich habe Archa gefragt, ob das für die Kämpfe nicht sehr schwierige Verhältnisse seien, was er allerdings verneint hat. Im Gegenteil, sei seiner Einheit das sogar lieber, weil sie das noch von früher aus dem Donbass kennen. So zu kämpfen sei weitaus einfacher und bringe weniger Verluste, als gut befestigte Verteidigungslinien zu stürmen.
Außerdem sagte er mir, dass sich an den meisten Frontabschnitten inzwischen eine Frontlinie herausbilde, weil sie die verstreuten ukrainischen Einheiten weitgehend vernichtet oder zurückgedrängt haben.
Am 21. und 26. August hat die Pjatnaschka bereits zwei kleine Dörfer befreit, aber man habe es nicht eilig, vorzurücken. Das fand ich überraschend, aber Archa hat das sehr einfach erklärt. Die Ukraine hat mit der Offensive die Front verlängert, obwohl sie einen Mangel am Personal hat. Im Donbass „zerbröselt“ die ukrainische Front, wie er sagte, weil die Ukraine viele Soldaten und Technik in Kursk einsetze, die eigentlich im Donbass dringend gebraucht würden.
Aus militärischer Sicht sei es gar nicht nötig, möglichst schnell vorzurücken, sondern aus militärischer Sicht sei es sinnvoll, in Kursk möglichst viele Kräfte des Gegners zu binden und zu vernichten, weil diese vernichteten Soldaten und Panzer nicht im Donbass eingesetzt werden können, was wiederum beim russischen Vorrücken im Donbass helfe. Er sagte, dass an der langen Front eben alles mit allem zusammenhänge. Und ob sie in Kursk nun einen oder mehrere Monate brauchen, um die besetzten Gebiete zu befreien, sei militärisch nicht entscheidend. Man müsse die Front als ganzes sehen und Kursk sei hilfreich, weil die Ukraine mit der Operation in Kursk ihre anderen Frontabschnitte geschwächt hat.
Die Vernichtung des Gegners läuft nach Archas Angaben sehr gut. Er zeigte mir viele Bilder von zerstörten westlichen Waffen, darunter auch einige Marder-Schützenpanzer aus deutscher Produktion. Seine Drohnenpiloten seien hier sehr erfolgreich, weil die Ukraine so viel Technik nach Kursk gebracht habe. Sein bester Drohnenpilot habe 30 Stück gegnerische Technik vernichtet, darunter einen Kampfpanzer, einige Marder-Schützenpanzer, einen französischen Schützenpanzer, viele amerikanische Hummer und andere Fahrzeuge.
Laut Archa hat die Ukraine auf 30 Soldaten ein Fahrzeug (vom Jeep bis zum Panzer) nach Kursk gebracht. Bei 12.000 Soldaten, die die Ukraine nach Kursk gebracht haben soll, wären das 400 gepanzerte Fahrzeuge, die im Donbass fehlen und in Kursk nun von russischen Drohnen gejagt werden.
Die Internationale
Zu dem Treffen mit Archa hat mich die Pressesprecherin der Einheit abgeholt und wir hatten im Auto etwas Zeit zum Reden. Sie hat einige lustige Anekdoten aus dem Alltag der Pjatnaschka erzählt, die eben passieren, wenn Ausländer aus aller Welt in einer Einheit kämpfen.
So kämpfen dort Armenier und Aserbeidschaner, deren Länder sich um Bergkarabach gestritten haben, als Freunde Seite an Seite. Gleiches gilt für Georgier einerseits und Abchasen und Osseten andererseits, die 2008 im Kaukasuskrieg noch gegeneinander standen. Sie alle eint der Kampf gegen das faschistische Regime in Kiew.
Auch von Amerikanern und Europäern hat sie viel erzählt. In der Einheit gebe es beispielsweise viele Schweden. Allerdings gab es dort, wie sie mit einem Seitenblick auf mich hinzufügte, noch nie einen Deutschen.
Mit Asiaten sei es zunächst schwierig gewesen, weil sie bei der Einheit nichts von den Animositäten wussten, die zwischen Japanern, Chinesen und Südkoreanern herrschen. Sie hätten die in einem Zimmer untergebracht, woraufhin die sich jedoch so heftig geprügelt hätten, dass sie kaum zu trennen gewesen seien. Aber als es dann an die Front ging, waren alle Probleme vergessen und sie haben Seite an Seite gekämpft.
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