Die Geschichtsschreibung ist die Fortsetzung des Heldengesangs in das Reich der Prosa. Wo der heroische Sinn fehlt, da wird aus der Geschichte ein bloßes Verzeichnis von Daten und kleinen Ereignissen, von psychologischen Sonderbarkeiten und Zufällen. An vielen Orten gibt man sich heute Mühe, Geschichte zu schreiben, Geschichtsphilosophien zu erfinden und Geschichtsunterricht zu begründen mit ängstlicher Vermeidung dessen, woraus Geschichte fließt, und worauf alle geschichtliche Erkenntnis beruht: dem HEROISCHEN ENTHUSIASMUS. Dieser Enthusiasmus läßt sich nicht durch „staatsbürgerliche Gesinnung“ ersetzen. Mit der Gesinnung des mehrfach versicherten Staatsbürgers läßt sich Geschichte nur als „Entwicklung“ schreiben, nämlich als Entwicklung zu eben diesem Staatsbürger hin. Aber die Geschichte ist nicht eine Summe von Entwicklungen, sondern ein Zusammenhang von Kämpfen. Die Geschichte erhält ihren Sinn nur durch das heroische Element; es gilt aber auch umgekehrt: das Heroische bekommt seinen Halt nur durch die Beziehung auf die geschichtliche Welt. Wenn die Lebenszustände stark durchrationalisiert sind, wenn die Menschen im scharfen Licht eines überwachen Bewußtseins leben, dann kann das Ursprünglich-Heroische sich nicht mehr so äußern, wie es in früheren Epochen der Kultur möglich war. Es bedarf in diesen vom Bewußtsein beherrschten Zeitalter eines Gehalts, an welchem der heroische Sinn sich aufrichten, von dem er sich nähren und mit dessen Hilfe er wachsen kann. Sonst ist er in Gefahr zu verwildern, spielerisch und zwecklos zu werden, oder in einen Kult des Heroischen an sich ohne Substanz umzuschlagen. Nur in der Bindung an das Reich der Geschichte und ihrer Aufgaben erhält der heroische Sinn sich gerade und gesund. Denn dieser Sinn ist ja nicht ein Ausnahmezustand exaltierter Seelen, sondern es ist derjenige Zustand des Gemüts, aus dem die fruchtbarsten Taten und bewundertsten Leistungen unseres Geschlechts hervorgegangen sind. Wenn wir Wirklichkeit in der Geschichte sehen wollen, dann müssen wir auch die Wirklichkeit, die uns umgibt, geschichtlich sehen können. Wir dürfen sie nicht moralisch beurteilen, wir dürfen nicht einzelne Menschen und ihre Handlungen sehen, sondern müssen die MÄCHTE gewahr werden, die miteinander ringen.
Alfred Baeumler „Männerbund und Wissenschaft“ 