In einem kleinen, malerischen Dorf namens Geldhausen stand eines Tages ein Zug bereit zur Abfahrt. Der Zug war als "Inflation Express" bekannt und hatte die unangenehme Angewohnheit, jedes Jahr schneller zu werden. Die Einwohner von Geldhausen wussten nicht genau, wohin dieser Zug fuhr, aber sie hatten eine dunkle Vorahnung, dass das Ziel nicht sonderlich erfreulich sein würde.

Am Steuer des Zuges saß ein eifriger, aber leicht überforderter Lokführer namens Herr Banknotus. Jedes Jahr erhielt er Anweisungen, den Zug ein bisschen schneller fahren zu lassen. "Es ist notwendig, damit die Wirtschaft floriert," sagten ihm die Experten, ohne zu erwähnen, dass der Zug direkt auf einen Abgrund zuraste.

Im ersten Jahr, als der Zug losfuhr, war die Geschwindigkeit angenehm. Die Passagiere - darunter Arbeiter, Rentner und Geschäftsleute - plauderten fröhlich und genossen die Fahrt. "Ein bisschen schneller ist gut für uns alle," dachte sich Herr Banknotus und drehte den Regler eine Stufe höher.

Doch mit jedem weiteren Jahr wurden die Gesichter der Passagiere blasser und ihre Hände klammerten sich fester an die Sitze. Die Preise für Kaffee im Bordrestaurant stiegen und stiegen, bis ein einfacher Cappuccino plötzlich eine Hypothek erforderte. Die Geschwindigkeit des Zuges wurde zur Last, und die Leute begannen, sich Sorgen zu machen.

Eines Tages, als der Zug wieder ein Stück schneller wurde, begann der alte Herr Sparfuchs, der seit Jahren sein Geld im Sparstrumpf aufbewahrte, panisch zu murmeln: "Das kann nicht gut enden! Wir rasen ins Verderben!" Die anderen Passagiere lachten nervös, aber tief im Inneren wussten sie, dass er Recht hatte.

Der Zug beschleunigte weiter, und bald war er so schnell, dass die Landschaft draußen nur noch ein unscharfer Fleck war. Die Schilder am Streckenrand, die vor dem bevorstehenden Abgrund warnten, wurden von der Geschwindigkeit verschluckt. „Mehr Geschwindigkeit bedeutet mehr Wohlstand!“, riefen die Experten, während sie ihre Koffer packten und heimlich den Zug verließen.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Die Regierung von Geldhausen entschied, dass der Zug zu schnell fuhr und dass dies die Bürger in den Wahnsinn trieb. Sie installierten ein neues Bremssystem und gaben Herrn Banknotus die Anweisung, die Geschwindigkeit zu reduzieren.

Herr Banknotus, zunächst skeptisch, zog vorsichtig am Bremshebel. Der Zug verlangsamte sich, und die Passagiere hielten den Atem an. Jahr für Jahr wurde die Geschwindigkeit weiter gesenkt. Der Inflation Express, der einst mit 10 Prozent auf den Abgrund zuraste, fuhr nun gemächlich mit 3 Prozent.

Die Passagiere atmeten erleichtert auf. Die Preise im Bordrestaurant stiegen zwar weiter, aber nur noch um 3 Prozent pro Jahr. „Das ist fast wie Stabilität!“, riefen die Leute. „Hurra! Ein Cappuccino kostet nur 3 Prozent mehr als letztes Jahr. Was für ein Schnäppchen!“

Herr Sparfuchs, der immer noch seinen Sparstrumpf fest umklammert hielt, schüttelte den Kopf und murmelte: „Das ist doch verrückt. Ihr feiert, dass alles teurer wird?“

Doch die meisten Passagiere waren zufrieden. „Es könnte schlimmer sein!“, sagten sie sich und prosteten sich mit überteuerten Cappuccinos zu. Und so fuhr der Inflation Express weiter, immer noch in Richtung Abgrund, aber jetzt viel langsamer. Die Passagiere fühlten sich sicherer, obwohl sie tief im Inneren wussten, dass der Abgrund immer noch da war.

In den hinteren Abteilen des Zuges saßen jedoch einige weitsichtige Passagiere mit seltsamen Münzen in der Hand. Sie lächelten nur wissend und flüsterten leise: „Bitcoin, mein Freund, Bitcoin.“

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