German-Foreign-Policy

28. Mär 2025

Mit Digitalabgaben gegen Autozölle

Neue US-Zölle auf die Einfuhr von Autos und Autoteilen treffen die deutsche Kfz-Branche schwer. EU-Kommission zieht Gegenmaßnahmen gegen US-Digitalkonzerne in Betracht. Experten warnen vor „Nokia-Moment“ der deutschen Kfz-Industrie.

BERLIN/WASHINGTON/BRÜSSEL (Eigener Bericht) – Die EU-Kommission zieht in Reaktion auf neu angekündigte US-Zölle zum ersten Mal direkte Maßnahmen gegen die Aktivitäten der US-Digitalkonzerne in Europa in Betracht. Wie es in Brüssel heißt, könne man etwa der Onlineplattform X von Trump-Adlatus Elon Musk personalisierte Werbung untersagen. Dann habe sie „kein Geschäftsmodell in Europa“ mehr. Zudem sollen am 13. April Gegenzölle in Kraft treten. US-Präsident Donald Trump hatte am Mittwoch (Ortszeit) per Dekret Zölle in Höhe von 25 Prozent auf die Einfuhr von Autos und Autoteilen in die Vereinigten Staaten verhängt. Die Zölle, die ab der kommenden Woche erhoben werden sollen, würden der deutschen Kfz-Branche ernste Schäden zufügen. Ursache ist, dass die USA der bedeutendste Abnehmer in Deutschland gefertigter Autos sind; sie nahmen zuletzt 13,1 Prozent aller deutschen Pkw-Exporte ab – mehr als Großbritannien (11,3 Prozent) und Frankreich (7,4 Prozent). Die US-Zölle treffen die deutsche Kfz-Industrie in einer Phase zunehmender Schwäche. Beobachter weisen darauf hin, dass die Branche gegenüber der Konkurrenz aus China zurückgefallen ist, und warnen von einem „Nokia-Moment“.

Trumps „liberation day“

Die Zölle in Höhe von 25 Prozent, die US-Präsident Donald Trump am Mittwoch (Ortszeit) angekündigt hat, betreffen sämtliche Importe von Autos und von Autoteilen. Sie kommen zu bereits bestehenden Zöllen hinzu; so werden Einfuhren einfacher Fahrzeuge aus der EU künftig mit 27,5 Prozent, Einfuhren von SUVs und Pickups mit 50 Prozent verzollt. Die neuen Zölle sollen am 2. April in Kraft treten und ab dem 3. April praktisch erhoben werden. Eine vorläufige Ausnahme gibt es nach Informationen aus dem Weißen Haus lediglich für Autoteile, die den Anforderungen des United States-Mexico-Canada Agreements (USMCA) entsprechen. Diese sollen von den neuen Zöllen befreit werden, bis ihr Gehalt an nicht in den USA gefertigten Komponenten festgestellt ist.[1] Dies zielt offenbar darauf ab, diejenigen US-Kfz-Konzerne zu entlasten, die Mexiko als Niedriglohnstandort nutzen und in den USA hergestellte Teile zur Weiterverarbeitung dorthin transportieren. Weitere Zölle will Trump schon am Mittwoch kommender Woche bekanntgeben, den er „liberation day“ – „Tag der Befreiung“ – nennt. Dabei handelt es sich um sogenannte reziproke Zölle; sie sollen verhängt werden, wenn ein Staat auf Einfuhren eines bestimmten Produktes aus den Vereinigten Staaten höhere Zölle erhebt, als es die USA im Gegenzug tun.

Der bedeutendste Abnehmer

Die Zölle treffen eine ganze Reihe enger Verbündeter der Vereinigten Staaten hart. Am schwersten getroffen zu werden droht Mexiko, der größte Kfz-Lieferant der USA; im Jahr 2024 steigerte es seine Pkw-Exporte in die Vereinigten Staaten auf ein Volumen von 78,5 Milliarden US-Dollar. Dazu trugen auch Autos deutscher Konzerne mit Standort in Mexiko bei, etwa Volkswagen de México. Harte Verluste drohen zudem Japan (Pkw-Exportvolumen in die USA 2024: 39,7 Milliarden US-Dollar) und Südkorea (36,6 Milliarden US-Dollar). Kanada, dessen zweitwichtigste Exportbranche die Kfz-Industrie ist – nach Erdöl –, fürchtet um ein Pkw-Exportvolumen von 31,2 Milliarden US-Dollar. In Europa wird die deutsche Kfz-Branche am schwersten getroffen; für sie stehen Pkw-Exporte im Wert von knapp 24,8 Milliarden US-Dollar auf dem Spiel. Die Vereinigten Staaten sind der bedeutendste Abnehmer in der Bundesrepublik produzierter Autos; zuletzt wurden rund 13,1 Prozent aller deutschen Pkw-Exporte in die USA geliefert. Es folgten Großbritannien (11,3 Prozent) und Frankreich (7,4 Prozent).[2] Die deutsche Kfz-Branche misst den USA auch deshalb eine besondere Bedeutung bei, weil sie eigentlich ihr schwächelndes Chinageschäft ersetzen sollte.[3]

US-Digitalkonzerne im Visier

Die ersten Reaktionen aus Wirtschaft und Politik in Berlin waren am gestrigen Donnerstag offen und schroff. Die Kfz-Zölle träfen „das wichtigste Exportgut Deutschlands“, wurde der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, zitiert; das sei „eine große Belastung für die deutsche Wirtschaft“.[4] Donald Trump habe den „Handelskrieg einseitig und auf Basis falscher Behauptungen begonnen“, erklärte der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Dirk Jandura; die EU solle mit „klaren Gegenmaßnahmen“ reagieren, die „auch eine Reaktion auf die marktbeherrschende und übermächtige Rolle amerikanischer Digitalkonzerne in Europa beinhalten“ müsse. Tatsächlich verzeichnen die US-Tech-Riesen massive Überschüsse aus ihrem Europageschäft und bieten so eine große Angriffsfläche – ganz im Gegensatz zur US-Industrie, deren Export nach Europa vergleichsweise gering ist. Die EU-Kommission zieht, wie berichtet wird, nun in der Tat nicht nur Vergeltungszölle auf US-Warenimporte, sondern auch Maßnahmen gegen US-Digitalkonzerne in Betracht. Sei Washington nicht zum Verhandeln bereit, dann könne man etwa von Onlineplattformen eine Digitalabgabe verlangen, heißt es; der Plattform X etwa könne man personalisierte Werbung untersagen, dann habe sie „kein Geschäftsmodell in Europa mehr“.[5] Allfällige Gegenzölle sollen am 13. April in Kraft treten.

Herbe Einbußen

Unabhängig davon wären die Einbußen für deutsche Kfz-Konzerne groß. BMW etwa hatte 2024 eine Gewinnmarge von 6,3 Prozent erzielt. Nach einer Schätzung der US-Analysefirma Bernstein droht dem Unternehmen wegen der neuen US-Zölle ein Rückgang um rund zwei Prozentpunkte; das wäre fast ein Drittel des Profits.[6] Mercedes muss demnach mit rund 2,2 Prozentpunkten weniger Gewinn rechnen. Damit gingen dem Konzern 2,9 Milliarden Euro verloren. Volkswagen wiederum könnte laut Berechnungen der UBS 15 Prozent seines operativen Ergebnisses verlieren – rund 2,85 Milliarden Euro. Zusammengenommen beziffert Bernstein die Kosten der Zölle für die drei großen deutschen Kfz-Konzerne auf ungefähr elf Milliarden Euro. Diese könnten, heißt es in der Branche, versuchen, nach Washington zu reisen und im Weißen Haus um eine Ausnahme von den Zöllen zu bitten; der Erfolg sei aber ungewiss. Die VW-Marken Audi und Porsche denken bereits seit geraumer Zeit darüber nach, Produktionsstandorte in den Vereinigten Staaten zu errichten, um die Zölle zu umgehen.[7] Auch bei Mercedes gilt die Verlagerung der Fertigung einzelner Modelle in die USA als prinzipiell möglich. Entscheidungen sind allerdings jeweils noch nicht gefallen.

Der Nokia-Moment

Die US-Zölle treffen die deutsche Kfz-Industrie in einer Phase zunehmender Schwäche. Vor allem ihr Geschäft in China wankt; dort haben sie weitgehend die rasante Entwicklung hin zu Elektro- bzw. autonom fahrenden Autos verschlafen. „Eine S-Klasse von Mercedes-Benz oder die Siebener-Limousine von BMW verkörperten über Jahrzehnte die Spitze technischer Errungenschaften“, heißt es beispielsweise in einem aktuellen Kommentar.[8] Heute hingegen gäben „die Chinesen den Ton an“. „Hinter vorgehaltener Hand“, so heißt es weiter, „schwärmen Audi- oder BMW-Manager davon, wie sie im dichten Stadtverkehr von Peking und auf engen Serpentinen durch Bergdörfer autonome Fahrsysteme der chinesischen Konkurrenz ausprobiert haben“. Mit deutschen Fahrzeugen sei dies bislang unmöglich. Zwar kämpften die deutschen Kfz-Konzerne hart darum, technologisch aufzuholen. Doch müsse man feststellen: „Für die deutsche Autoindustrie kommt der ‘Nokia-Moment‘ in Sichtweite – jener kritische Punkt, an dem ein etabliertes Unternehmen wie der damals führende Handyhersteller den technologischen Wandel nicht meistert und an Bedeutung verliert.“

+++

Quellen & Links

[1] Gavin Bade, Christopher Otts: Trump Plans to Impose 25% Tariff on Imported Vehicles. wsj.com 27.03.2025.

[2] Trump macht ernst: Was die Auto-Zölle bedeuten. faz.net 27.03.2025.

[3] S. dazu Das Ende des deutschen Exportmodells ( https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9655 )

und Auf dem Weg in die Strafzollschlacht (II)( https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9711 ).

[4], [5] Jakob Hanke Vela, Julian Olk, Carsten Volkery, Moritz Koch: EU droht mit Zöllen gegen amerikanische Tech-Konzerne. handelsblatt.com 27.03.2025.

[6] Lazar Backovic, Franz Hubik, Markus Fasse, Roman Tyborski, Martin-W. Buchenau: US-Zölle könnten deutsche Autokonzerne elf Milliarden Euro kosten. handelsblatt.com 27.03.2025.

[7] Lazar Backovic, Markus Fasse, Felix Holtermann, Roman Tyborski: Audi und Porsche erwägen US-Produktion – diese Szenarien gibt es. handelsblatt.com 29.01.2025.

[8] Henning Peitsmeier: Luxusautos zwischen den Welten. Frankfurter Allgemeine Zeitung 27.03.2025.

+++

Für Spenden besuchen Sie bitte die Webseite

+++

https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9924

Reply to this note

Please Login to reply.

Discussion

No replies yet.