Telepolis
Drei Prozent fürs Militär: Der (unverhältnismäßig) teure Kampf der Nato
18. Dezember 2024
Ian Proud
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Nato-Generalsekretär Mark Rutte
(Bild: Gints Ivuskans/Shutterstock.com)
Die Nato plant, ihre Militärausgaben auf 3 Prozent des BIP zu erhöhen. Doch sind diese Ausgaben wirklich gerechtfertigt? Ein Gastbeitrag.
Der neue Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat gefordert, dass die Allianz bis 2030 ein Verteidigungsbudget auf dem Niveau des Kalten Krieges anstreben soll.
Kurs auf drei Prozent
Damit vermittelt er den Nato-Bürgern den Eindruck, das moderne Russland stelle die gleiche Bedrohung dar wie die Sowjetunion. Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass dieser Vergleich falsch und bewusst irreführend ist.
Ruttes Äußerung spiegelt die Forderung Donald Trumps wider, die Nato-Ausgaben auf drei Prozent zu erhöhen, auf die der britische Außenminister prompt aufsprang.
Immerhin geben die USA 3,38 Prozent ihres BIP für Verteidigung aus, das sind zwei Drittel der gesamten Nato-Ausgaben. Nur drei weitere Mitglieder – Polen, Estland und Griechenland – geben mehr als drei Prozent aus, während acht das bestehende Zwei-Prozent-Ziel verfehlen.
"Während des Kalten Krieges haben die Europäer weit mehr als drei Prozent ihres BIP für Verteidigung ausgegeben", sagte Rutte.
Der Vergleich mit dem Kalten Krieg ist jedoch sehr irreführend. Die Sowjetunion war ein direkter Konkurrent der Vereinigten Staaten mit Panzern und Truppen an der Schwelle Westeuropas.
Obwohl die sowjetische Wirtschaft nie mit der amerikanischen vergleichbar war, erreichte sie 1984 etwas mehr als die Hälfte des amerikanischen Bruttosozialprodukts. Allerdings gaben die Sowjets wesentlich mehr für die Verteidigung aus, und ein CIA-Bericht von 1982 schätzte, dass die sowjetischen Militärausgaben bis 1980 die der USA knapp überstiegen hatten.
In den 1980er Jahren hatte die Sowjetunion ein stehendes Heer von 4,3 Millionen Soldaten – mehr als doppelt so viel wie die USA. Die sowjetische Bevölkerung betrug 1990 288 Millionen gegenüber 250 Millionen in den USA. Die Sowjetunion war also in wichtigen Bereichen ein vergleichbarer, wenn nicht sogar größerer Gegner.
Russland ist nicht die Sowjetunion
Heute stimmt dieser Vergleich einfach nicht mehr. Russland ist weder wirtschaftlich noch demographisch noch militärisch ein gleichwertiger Gegner für die USA oder die Nato insgesamt. Die einzige Ausnahme ist das russische Nukleararsenal, das in erschreckender Weise vergleichbar ist.
Das russische BIP ist 24,5-mal kleiner als das kombinierte BIP der Nato-Mitglieder und 11,5-mal kleiner als das der USA. Seine Bevölkerung ist siebenmal kleiner als die der Nato und fast zweieinhalbmal kleiner als die der USA.
Seine stark vergrößerten Streitkräfte entsprechen nur 45 Prozent der Nato-Streitkräfte. In einem Zermürbungskrieg mit der Nato, den Russland stets zu vermeiden suchte, hätte es weder die demographischen noch die wirtschaftlichen Reserven, um zu gewinnen.
Der Vergleich mit dem Kalten Krieg als Referenzrahmen ist daher wenig hilfreich und irrelevant. Wichtiger ist die Tatsache, dass die Nato selbst bei den derzeitigen Verteidigungsausgaben das größte Militärimperium ist, das die Welt je gesehen hat. Laut SIPRI-Datenbank entfielen im Jahr 2023 57 Prozent der weltweiten Verteidigungsausgaben auf die Nato.
Verhältnisse
Um dies ins rechte Licht zu rücken: Mit den derzeitigen Ausgaben gibt die Nato fünfmal mehr für Verteidigung aus als China und zehnmal mehr als Russland. Siebenmal mehr als ganz Asien ohne China und Indien, zehnmal mehr als der Nahe Osten, zwanzigmal mehr als Lateinamerika und einunddreißigmal mehr als Afrika.
Wenn die Nato ihre Verteidigungsausgaben auf 3 Prozent anheben würde, wären das zu heutigen Preisen etwa 260 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist 1,8-mal mehr als Russland bis 2025 für Verteidigung ausgeben will (ca. 145 Milliarden Dollar).
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