Ansage

Der Stich ins syrische Wespennest

von Jens Woitas

07. Dezember 2024

Freudenschüsse und Allahu-Akbar-Jubel: Islamistische Rebellen gestern in Hama (Foto:Imago)

Unter den zahlreichen bemerkenswerten Ereignissen der letzten Tage hat für mich die überraschende, blitzartige Offensive sunnitischer Rebellen in Syrien eine solche Bedeutung, dass ich sie zum Gegenstand einer tiefergehenden Analyse machen möchte. Es wird dabei um eine verwirrende Vielzahl von Mächten gehen, die in diese Ereignisse verstrickt sind. Die Auswirkungen reichen bis nach Deutschland, wo ja bekanntlich seit dem großen Flüchtlingszustrom von 2015/16 eine nicht geringe Zahl an Syrern lebt. Die jüngsten Entwicklungen in Syrien könnten einem Stich in ein Wespennest ähneln und unübersehbare Folgewirkungen hervorbringen.

Zunächst einmal soll jedoch auf Besonderheiten des syrischen Staates eingegangen werden, die zum Verständnis der gegenwärtigen Lage unerlässlich sind. Das Land wurde 1946 (von Frankreich) unabhängig und wird seit 1970 quasi-monarchisch vom Assad-Clan beherrscht. Auf Hafiz al-Assad (1930 – 2000) folgte sein Sohn Baschar, der das Land bis heute diktatorisch regiert. Mit der Assad-Herrschaft untrennbar verbunden ist eine Vorrangstellung der kleinen religiösen Minderheit der Alawiten über eine zum weitaus größten Teil sunnitische Gesamtbevölkerung. Diese Konstellation macht das syrische Regime zu einer an das antike Sparta erinnernden Diktatur einer kleinen Gruppe von Bewaffneten über rechtlose Volksmassen.

Eskalation zu offener Unmenschlichkeit

Solch ein Zustand ist leider ungeheuer stabil, denn die Beherrschten können sich kaum wehren, während die Bewaffneten um ihres schieren Überlebens willen zu einer unbedingten Loyalität zum Herrscher gezwungen sind. Die syrische Regierung sieht – und das ist allzu vielen Beobachtern im Westen nicht bewusst – große Teile ihrer eigenen Bevölkerung als feindlich an. Dieser Konflikt eskalierte schon 1982 zu offener Unmenschlichkeit, als Regierungstruppen die Großstadt Hama, wo kurzzeitig sunnitische Moslems die Macht übernommen hatten, völlig zerstörten und dabei nach glaubwürdigen Berichten zehntausende Menschen töteten. Im Gespräch mit dem Journalisten Peter Scholl-Latour (1924 – 2014) erklärte damals ein syrischer Regierungsvertreter: „Beim nächsten Aufstand zerstören wir Damaskus mit seinen fünf Millionen Menschen.“ Dazu kam es glücklicherweise bislang deshalb nicht, weil in der Hauptstadt relativ viele Alawiten leben. Trotzdem wurde die Schreckensvision vom totalen Krieg des Assad-Regimes gegen das eigene Volk in weiten Teilen Realität, nachdem 2011 im Zuge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ auch in Syrien zunächst friedliche Massendemonstrationen für Demokratie begannen.

Es würde zu weit führen, hier die gesamte darauf folgende Ereigniskette rekapitulieren zu wollen. Wichtig ist in unserem Zusammenhang vor allem, dass sich das Assad-Regime aus den weiter oben genannten Gründen mit einer ungeheuren Zähigkeit an die Macht klammerte. Ein großer Teil der syrischen Bevölkerung wurde aus dem Land vertrieben. Von Aufständischen gehaltene Ortschaften wurden rücksichtslos mit sogenannten „Fassbomben“ und Chlorgas bombardiert. Seit 2015 griff Russland, das in Tartus am Mittelmeer einen noch aus sowjetischer Zeit resultierenden Militärstützpunkt unterhält, mit verheerenden Flächenbombardements in die Kämpfe ein. Auch die Islamische Republik Iran entsandte Soldaten zur Unterstützung des Assad-Regimes. Ihr kam es vor allem darauf an, eine schiitisch-alawitische Achse von Teheran über Bagdad bis zur libanesischen Hisbollah-Miliz aufrecht zu erhalten, deren „Speerspitze“ auf den verhassten Staat Israel zielen sollte.

Recht des Stärkeren

Diese vereinten Anstrengungen führten zu einer fast kompletten Niederlage der Rebellen, die außerdem im Spätsommer 2013 schmählich von dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama und weiteren westlichen Staats- und Regierungschefs im Stich gelassen wurden. Der Westen griff damals aus Angst vor einer Verwicklung in einen direkten Konflikt mit Russland nicht in den syrischen Bürgerkrieg ein, obwohl das Assad-Regimes praktisch offen chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung zum Einsatz brachte. Aufseiten der Rebellen versuchte auch die Türkei immer wieder in Syrien einzugreifen. Recep Tayyip Erdogan musste jedoch Wladimir Putin das Recht des Stärkeren zugestehen. Die Türkei konnte nur erreichen, dass im äußersten Nordwesten Syriens um die Stadt Idlib herum eine Schutzzone eingerichtet wurde, in die sich sunnitische Rebellen zurückziehen konnten. Von Idlib geht jetzt auch die eigenartige Gegenoffensive aus, bei der die Sunniten in kurzer Zeit die Millionenstadt Aleppo und jetzt anscheinend auch Hama unter ihre Kontrolle bringen konnten.

Der Leser mag schon angesichts meines Verzichtes auf die Bezeichnung „Dschihadisten“ für die sunnitischen Rebellen bemerkt haben, dass ich mir hier nicht die russische und auch in Alternativmedien verbreitete Sichtweise auf den Syrien-Konflikt zu eigen machen will. Nach all dem bisher Gesagten muss man das Assad-Regime als eine der schlimmsten Diktaturen dieser Welt ansehen, für die jegliche Sympathie fehl am Platze ist. Natürlich kann man die Anfänge der syrischen Freiheitsbewegung von 2011 als eine typische „Farbrevolution“ bezeichnen, die von staatlichen (USA) und nichtstaatlichen (George Soros‘ “Open Society Foundations”) westlichen Kräften maßgeblich unterstützt wurde. Ähnlich wie bei der Ukrainischen Maidan-Revolution von 2014 ist dies aber aus meiner Sicht kein Argument, mit dem man den erklärten Willen eines Volkes zu Freiheit und Selbstbestimmung einfach als unberechtigt erklären kann.

Massenflucht aus Syrien – und die Ursachen

Ein sehr viel besseres Argument gegen die derzeit stattfindende Rebellenoffensive liegt vielmehr in dem Umstand, dass der syrische Bürgerkrieg ab 2013 die Steinzeit-islamistische Bewegung ISIS (“Islamischer Staat im Irak und in Syrien”) maßgeblich hervorbrachte, aus der dann im Jahre 2014 durch wilde Raubzüge in der gesamten Region das Terror-Kalifat des IS mit seiner abgrundtief bösen Barbarei entstand. Wenn jetzt im Zusammenhang mit dem Vormarsch der sunnitischen Rebellen Ängste vor einer Wiederholung dieser Geschichte auftreten, dann ist dies vollkommen verständlich. Man kann aus meiner Sicht aber nicht die Gesamtheit der syrischen Sunniten mit dem IS oder seinem Vorgänger al-Qaida identifizieren. Deshalb ist auch die Furcht vor neuen Flüchtlingswellen zunächst einmal wenig begründet.

Die Hauptursache der Flucht aus Syrien war und ist nach wie vor das Assad-Regime im Verbund mit seinen Helfershelfern aus Teheran und Moskau. Diesen Schurken muss man in erster Linie die unbequeme Tatsache anlasten, dass inzwischen mehr als fünf Prozent aller weltweit existierenden Syrer als Schutzsuchende in Deutschland leben – mitsamt allen unguten Folgen, die das hat. Wenn sich jetzt die sunnitische Bevölkerungsmehrheit in Syrien endlich ihr eigenes Land zurück erkämpfen würde, dann könnte es statt zu einer neuen Flüchtlingswelle nach Deutschland sogar zu einer Remigration im besten Sinne dieses Wortes kommen: Die Schutzsuchenden wären dann endlich dazu in der Lage, in ihre angestammte Heimat zurückzukehren, dort in Frieden und Freiheit zu leben und ein neues, besseres Syrien aufzubauen.

Begrenzte russische Leidensfähigkeit

Dies ist natürlich eine sehr positive Zukunftsvision. Es gibt aber noch viele weitere, positive wie negative Wirkungen, die von dem jetzigen „Stich ins (weltpolitische) Wespennest“ Syrien ausgehen könnten. Eine sehr interessante Frage wird sein, wie weit Russland noch willens und in der Lage sein wird, den syrischen Kriegsschauplatz in seinem Sinne zu beeinflussen. Wladimir Putin konzentriert all seine – trotz manch gegenteiliger Einschätzung insgesamt sehr begrenzten – Kräfte auf die opferreichen Frontalangriffe, mit denen er den Ukraine-Krieg zu seinen Gunsten entscheiden will. Die Wirtschaftslage in Russland scheint aller gegenteiligen Propaganda zum Trotze immer schlechter zu werden. Jetzt sind in Syrien und Georgien zusätzliche Fronten eröffnet worden, für die der Kremlherrscher nicht mehr genügend Menschen und Material zur Verfügung haben könnte. Auch ist die Leidensfähigkeit des russischen Volkes für letztlich unberechtigte, imperialistische Kriege begrenzt.

Es ist nicht auszuschließen, dass die russischen Kriege und die Putin-Herrschaft an irgendeinem Punkt ein jähes Ende finden könnten, das mit der deutschen Novemberrevolution von 1918 vergleichbar wäre. Die zunehmende Schwäche Russlands wird in der Türkei nicht unbemerkt bleiben. Erdogan hat sich zwar zunächst Putin als dem Stärkeren gebeugt, aber er wird seine Chance wittern, nach seinem inneren Umbau des türkischen Staates vom Kemalismus zum Islamismus einen ersehnten außenpolitischen Erfolg zu erringen, der das Land in der Tradition des Osmanischen Reiches wieder zur regionalen Großmacht machen würde. Eine Eroberung Syriens mit Hilfe der sunnitischen Rebellen wäre genau ein solcher Erfolg und würde es der Türkei nebenbei auch erlauben, die Millionen inländischer Syrien-Flüchtlinge wieder loszuwerden. Erdogan könnte zu diesem Zweck durchaus den russischen Militärstützpunkt von Tartus zerstören, damit die russischen Bombardements unterbinden und dabei darauf setzen, dass der Ukraine-Krieg Putin einen massiven russischen Gegenschlag im Schwarzen Meer unmöglich macht. Dass die Türken die sunnitischen Rebellen in Idlib unterstützt und massiv aufgerüstet haben, kann man als offenes Geheimnis ansehen.

Der Iran als “Papiertiger”?

Weiterhin besteht natürlich eine Wechselwirkung der jetzigen Ereignisse in Syrien mit dem bereits seit dem 7. Oktober 2023 laufenden Nahostkrieg zwischen Israel und dem Iran mitsamt dessen regionalen Stellvertretern. Dass Israel bei der sunnitischen Offensive in Syrien im Geheimen mitmischt, zeigt sich vor allem durch Meldungen, denen zufolge die Kommandostrukturen des Assad-Regimes durch ferngesteuerte Explosionen elektronischer Kommunikationsgeräte gezielt geschwächt wurden. Mit einer ähnlichen Operation des „Schattenkrieges“ schwächte Israel schon im September die libanesische Hisbollah entscheidend. Mit einem Sturz des Assad-Regimes in Syrien hätten die Israelis darüber hinaus die Hisbollah von ihrer direkten Landverbindung mit ihrer Schutzmacht Iran abgeschnitten und somit den Grundstein für einen endgültigen Sieg über die libanesische Schiiten-Miliz gelegt. Der Iran ist ähnlich geschwächt wie Russland, nachdem Israel im Laufe dieses Jahres erst zwei iranische Großangriffe mit Raketen erfolgreich abwehrte und dann überzeugend seine Lufthoheit über iranischem Territorium demonstrierte.

Das Regime von Teheran müsste spätestens jetzt überzeugend reagieren, um nicht endgültig als „Papiertiger“ dazustehen. Dazu müsste es jetzt schnell ein Expeditionskorps nach Syrien schicken und weitere Raketenschläge gegen Israel oder die US-Truppen in der Golfregion initiieren. Ob es dazu noch in der Lage sein wird, ist fraglich. Die innenpolitische Stimmung im Iran ist schlecht. Die zahlenmäßig starke junge Generation drängt darauf, sich endlich von der religiösen Bevormundung durch die Mullahs zu befreien, und sie hat keine Lust auf opferreiche Kriege im Sinne eines schiitischen Imperialismus. Das oben erwähnte Szenario der deutschen Novemberrevolution von 1918 könnte jederzeit auch im Iran eintreten.

Auch Syrer sind lernfähig

Man muss selbstverständlich bei solchen pro-westlichen Argumentationen immer zwei fast unverrückbare Umstände sehen: Erstens hat der Westen im Nahen und Mittleren Osten keine Freunde, sondern allenfalls Zweckverbündete. Kräfte, die man im eigenen Interesse militärisch unterstützt, wandeln sich schnell zu Feinden, die man dann mit erneuten, noch aufwändigeren Militäroperationen bekämpfen muss. Saddam Hussein und Osama bin Laden sind Paradebeispiele für solche Wandlungen, und sie sind leider nicht die einzigen. Zweitens muss Demokratie in der islamischen Welt fast zwangsläufig zur Herrschaft von Islamisten führen. Das liegt hauptsächlich daran, dass die im Koran beschriebene Idealgesellschaft von Medina zur Zeit des Propheten Mohammed für Moslems in ähnlicher Weise als Synonym für Solidarität und Gerechtigkeit gilt wie im Westen der Begriff „Sozialismus“.

Auch wenn man dies bedenkt, muss aber ein katastrophales Ende der neuerlichen syrischen Rebellion keine Zwangsläufigkeit darstellen. Auch Syrer sind lernfähig, und es gibt im Lande durchaus auch gute Traditionen, an die sich anknüpfen ließe. Der Entwicklungsstand war vor dem Bürgerkrieg relativ hoch, und eine positive Eigenschaft des Assad-Regimes war eine weitgehende religiöse Toleranz, die vor allem den syrischen Christen zu Gute kam. Dies war weniger irgendeiner Menschenfreundlichkeit geschuldet, sondern vielmehr der Tatsache, dass die herrschenden Alawiten selbst eine religiöse Minderheit darstellten. Wenn sich dies in ein neues Syrien übertragen ließe, wäre eine wesentliche Vorbedingung für eine gedeihliche Weiterentwicklung erfüllt. Der weitere Fortgang der Ereignisse in Syrien wird spannend sein. Wie ich hier aufzuzeigen versucht habe, muss man sie nicht von vornherein als negativ bewerten. Eine solche Notwendigkeit besteht nur dann, wenn man die gesamte Weltlage durch die Brille des „Putinismus“ sieht. In dieser Sichtweise muss der Großschurke Baschar al-Assad genauso zum Sympathieträger werden wie sein „Pate“ im Moskauer Kreml. Alternativlos ist dies nicht.

+++

Für Spenden besuchen Sie bitte die Webseite

+++

https://ansage.org/der-stich-ins-syrische-wespennest/

Reply to this note

Please Login to reply.

Discussion

No replies yet.