Anti-Spiegel (Artikel)

Politische Tricks

Warum haben New York Times und Times die Kriegsbeteiligung des Westens nun eingestanden?

Die New York Times und die britische Times haben in langen Artikeln mit vielen Details eingestanden, dass die USA und Großbritannien aktive Kriegsparteien im Krieg gegen Russland ist, was bisher als "russische Propaganda" abgetan wurde. Warum wurde das nun eingestanden?

von Anti-Spiegel

15. April 2025 05:00 Uhr

Am 29. März hat die New York Times einen fast 30 Din-A4-Seiten langen Artikel mit der Überschrift „Die Partnerschaft: Die geheime Geschichte des Krieges in der Ukraine“ veröffentlicht, den ich in mehreren Teilen übersetzt habe, die Übersetzungen des Artikels finden Sie in chronologischer Reihenfolge hier ( https://anti-spiegel.ru/2025/die-new-york-times-deckt-auf-wie-tief-usa-und-nato-in-den-krieg-gegen-russland-verwickelt-sind/ ), hier ( https://anti-spiegel.ru/2025/die-new-york-times-deckt-auf-wie-tief-usa-und-nato-in-den-krieg-gegen-russland-verwickelt-sind-2/ ), hier ( https://anti-spiegel.ru/2025/die-new-york-times-deckt-auf-wie-tief-usa-und-nato-in-den-krieg-gegen-russland-verwickelt-sind-3/ ), hier ( https://anti-spiegel.ru/2025/die-new-york-times-deckt-auf-wie-tief-usa-und-nato-in-den-krieg-gegen-russland-verwickelt-sind-4/ ) und hier ( https://anti-spiegel.ru/2025/die-new-york-times-deckt-auf-wie-tief-usa-und-nato-in-den-krieg-gegen-russland-verwickelt-sind-5/ ).

In dem Artikel hat die New York Times im Detail erzählt, wie die US-Armee und US-Geheimdienste die Ukraine von Wiesbaden aus im Krieg gegen Russland unterstützt haben. US-Offiziere haben ganze Operationen, inklusive der sogenannten „Gegenoffensive“ vom Sommer 2023, geplant und der Ukraine auch die Daten für Angriffe auf Ziele in Russland gegeben. Sogar an der Versenkung des Flaggschiffes der russischen Schwarzmeerflotte waren die USA beteiligt, auch wenn die New York Times es so darstellt, als sei das ungewollt gewesen.

Es ist also offensichtlich, dass die USA de facto im Krieg gegen Russland sind, denn bestritten hat den Inhalt des Artikels in Washington niemand. Wäre das alles Unsinn, wäre umgehend ein Dementi gekommen, denn einen offenen Krieg mit Russland will auch in den USA kaum jemand.

Damit aber nicht genug, denn am 13. April hat die britische Times einen sehr ähnlichen Artikel veröffentlicht, der die britische Beteiligung an dem Krieg gegen Russland im Detail beschreibt. Und auch in London wurde der Inhalt des Artikels nicht bestritten.

Das wirft Fragen auf, die wir uns nun anschauen wollen, denn das zwei anglo-amerikanische Zeitungen kurz hintereinander derart brisante Geheiminformationen veröffentlichen – schließlich bestreiten alle westlichen Hauptstädte inbrünstig, dass sie im Krieg mit Russland sind -, ist ganz sicher kein Zufall.

Und das waren auch keine ungewollten Leaks, denn wenn derart sensible Informationen in die Presse kommen, dann wird bei Militär und Geheimdiensten nach der undichten Stelle gesucht und nach den Verrätern, die die geheimen Informationen an die Presse weitergegeben haben, gesucht. Das ist aber weder in den USA noch in Großbritannien geschehen, was bedeutet, dass es gewollt war, dass diese Informationen an die Öffentlichkeit kommen.

Das war also eine koordinierte Aktion. Und es stellt sich die Frage, was der Sinn dahinter war.

Um diese Frage soll es hier gehen und ich sage es gleich vorweg: Eine eindeutige Antwort habe ich nicht, aber viele interessante Gedanken dazu. Vorher will ich aber noch daran erinnern, dass das im Kern nichts Neues ist, denn Russland weiß schon lange und weist immer wieder darauf hin, dass mindestens die USA, Großbritannien und Frankreich längst aktiv in den Krieg involviert sind.

Die Kriegsbeteiligung

Ich will hier nur ein paar Beispiele dafür zeigen, was ohnehin schon lange bekannt war, von westlichen Medien jedoch nicht wirklich thematisiert wurde. Das meiste wurde sogar als „russische Propaganda“ abgetan.

Schon im Sommer 2022 ( https://anti-spiegel.ru/2022/weitere-meldungen-ueber-in-der-ukraine-kaempfende-us-soldaten/ ) hat Russland mitgeteilt, dass die aus den USA gelieferten HIMARS-Raketenwerfer nicht von Ukrainern, sondern von US-Soldaten bedient werden. Die Ukrainer können bestenfalls den Feuerknopf drücken, aber alle Zieldaten und so weiter werden von Amerikanern programmiert. Das galt im Westen bisher als „russische Propaganda“, aber der Artikel der New York Times hat das nun voll und ganz bestätigt.

Im Dezember 2022 ( https://anti-spiegel.ru/2022/britische-marines-an-hochriskante-verdeckte-operationen-in-der-ukraine-beteiligt/ ) hat die britische Times berichtet, dass britische Royal Marines in der Ukraine im Einsatz sind und dort auch „hochriskante verdeckte Operationen“ durchgeführt haben. Westliche Medien haben darüber entweder gar nicht berichtet, oder es schnell wieder vergessen.

Im April 2023 hat Politico berichtet ( https://anti-spiegel.ru/2023/nato-soldaten-in-der-ukraine-aktiv/ ), dass die NATO mit mindestens 97 Soldaten aus Spezialeinheiten in der Ukraine aktiv war. Dabei, so Politico, „dominiert Großbritannien, das 50 Spezialkräfte in die Ukraine entsandt hat“. Außerdem seien „auch 17 Personen aus Lettland, 15 aus Frankreich und eine aus den Niederlanden“ dabei und „die USA haben 14 Personen dorthin entsandt“. Auch diese offensichtliche Kriegsbeteiligung der genannten Länder hat in westlichen Medien keine Wellen geschlagen.

Außerdem gab es immer wieder Meldungen darüber, dass bei russischen Raketenangriffen reguläre Soldaten und Offiziere aus NATO-Staaten getötet wurden. Vor allem unter den Franzosen scheinen die Verluste hoch zu sein.

In Russland ist man sich dessen sehr wohl bewusst, wie ich beispielsweise im Oktober 2024 berichtet ( https://anti-spiegel.ru/2024/52-laender-fuehren-krieg-gegen-russland/ ) habe. Damals war ich auf einer Konferenz und schon in den ersten beiden Podiumsdiskussionen hat wirklich jeder Experte in seinem Vortrag darauf hingewiesen, dass es nicht um einen Krieg in der Ukraine geht, sondern darum, dass 52 Staaten der Welt Krieg gegen Russland führen.

Trotzdem bestreiten die westlichen Regierungen, dass sie im Krieg mit Russland seien. Daher kommen wir nun zu der Frage, warum New York Times und Times die Kriegsbeteiligung des Westens nun zeitlich so eng koordiniert eingestanden haben

Sabotage der Friedensverhandlungen?

Das erste, was mir als Grund für die koordinierte Veröffentlichung dieser Artikel in den Sinn kommt, ist, dass damit die Verhandlungen zwischen Russland und den USA torpediert werden sollen. Der sogenannte Deep State, also die transatlantischen Seilschaften und Thinktanks, sind gegen einen Frieden mit Russland, sondern wollen Russland in der Ukraine eine strategische Niederlage zufügen. Sie tun alles, um die Verhandlungen der Trump-Regierung mit Russland zu stören.

Die meisten europäischen Staats- und Regierungschefs und natürlich die EU-Kommission sind dabei ganz vorne dabei, was man auch an den Diskussionen der „Koalition der Willigen“ sieht, die unbedingt endlich auch offiziell Truppen in die Ukraine schicken will.

Der Inhalt der Veröffentlichungen von New York Times und Times hat in Russland natürlich niemanden überrascht, denn all das, was die beiden Zeitungen berichtet haben, war im Grunde bekannt, es gab bestenfalls ein paar neue Details. Aber natürlich haben die Veröffentlichungen Russland bloßgestellt, das sich all das gefallen lässt.

Die Veröffentlichungen könnten also den Sinn haben, in Russland innenpolitischen Druck auf Putin aufzubauen, die Verhandlungen mit Trump abzubrechen, bis diese Kriegsbeteiligung der USA und Großbritanniens endet, die ja immer noch andauert.

In jedem Fall hat der sogenannte Deep State eine „Duftmarke“ gesetzt und versucht, die Verhandlungen zu stören.

Ablenkung von dem Fiasko?

Der Krieg in der Ukraine ist ein Fiasko für die NATO, die USA, die Briten und alle anderen, die auf der Seite der Ukraine kämpfen oder ihre Operationen planen. Die Ukraine hat den Krieg verloren, sie ist personell ausgeblutet und praktisch keine ihrer Operationen war erfolgreich.

Natürlich wollen die westlichen Generäle nicht die Verantwortung für dieses Fiasko tragen, weshalb beide Artikel übereinstimmend der Ukraine die Schuld an dem Scheitern geben. Hätte das ukrainische Militär auf die Amis und die Briten gehört, so der O-Ton der Artikel, dann hätten sie schon 2023 die Krim zurückerobert.

Dafür heften sich Briten und Amerikaner in den beiden Artikeln alle Erfolge an die Brust, frei nach dem Motto: „Wenn die Ukrainer auf uns hören, dann sind sie erfolgreich. Wir können also nichts für das Scheitern, denn wo sie gescheitert sind, waren die Ukrainer Schuld, weil sie nicht auf uns gehört haben.“

Die Lügen

Lustig ist, dass sich die westlichen Militärs laut den beiden Artikeln Erfolge an die Brust heften, die es gar nicht gegeben hat, was den vorherigen Punkt bestätigt, dass es bei den Artikeln auch darum ging, die Schuld an dem Fiasko auf die Ukrainer zu schieben und keinen Schatten des Scheiterns auf die NATO-Generäle fallen zu lassen.

In beiden Artikeln wird behauptet oder suggeriert, dass die Ukraine die russischen Truppen im März 2022 in einer erfolgreichen Operation aus dem Umland von Kiew vertrieben habe. Das ist schlicht Unsinn, denn die Russen haben das Kiewer Umland Ende März im Zuge der in Istanbul laufenden Verhandlungen als Zeichen des guten Willens geräumt. Das kann auch jeder leicht nachprüfen, indem er in den Archiven der Medien nach Meldungen aus dem März 2022 über intensive Kämpfe bei Kiew sucht, in denen die Ukrainer die Russen zurückgedrängt hätten. Das gab es nicht.

Generell fabulieren die westlichen Medien gerne davon, dass die Ukraine damals zwei Drittel des von Russland gehaltenen Gebietes zurückerobert hätte, was schlicht gelogen ist.

Das gleiche gilt für die Räumung von Cherson im Oktober 2022 ( https://anti-spiegel.ru/2022/faellt-cherson-hotline-fuer-evakuierung-von-zivilisten-eroeffnet/ ). Cherson liegt auf dem rechten Ufer des Dnjepr und wurde für die russischen Streitkräfte unhaltbar, weil die Versorgung der Truppen und der Stadt Cherson nur über die Antonow-Brücke und den Kachowka-Staudamm möglich war. Die Brücke war aber bereits zerstört und der Staudamm war durch ukrainischen Beschuss so schwer beschädigt, dass für die Versorgung nur eine kleine Fähre blieb. Ich habe all das kurz vor der Räumung von Cherson selbst gesehen, als ich dort Wahlbeobachter war ( https://anti-spiegel.ru/2022/erster-bericht-ueber-die-beobachtung-des-referendums/ ).

In den beiden anglo-amerikanischen Artikeln wird das jedoch als militärischer Erfolg gefeiert, obwohl das ein taktischer und geplanter Rückzug der Russen über den Dnjepr war. Auch hier heften sich die Herren Generäle also einen Erfolg an die Brust, den es in der Form gar nicht gegeben hat.

Truppeneinsatz rechtfertigen?

Eine weitere mögliche Erklärung für die beiden Artikel könnte sein, dass man die Öffentlichkeit auf einen Krieg mit Russland einschwören möchte, der ja offenbar das Ziel der „Koalition der Willigen“ ist ( https://anti-spiegel.ru/2025/die-geplante-blockade-der-ostsee-und-die-rolle-der-baltischen-staaten-dabei/ ).

Die Logik dahinter könnte sein, die westliche Öffentlichkeit daran zu gewöhnen, dass westliche Soldaten ohnehin bereits in der Ukraine aktiv sind, um den Eindruck zu erwecken, eine weitere Entsendung von Truppen sei ja kein Problem, denn wir sind schon lange da und es ist ja nichts schlimmes passiert.

Wenn das das Ziel wäre, müsste es allerdings in nächster Zeit noch mehr solche Enthüllungen geben und die westlichen Medien müssten die dann auch breit aufgreifen. Danach sieht es bisher aber nicht aus.

Deutschland in den Krieg hineinziehen?

Interessant ist, dass Friedrich Merz am 13. April in der ARD ein Interview gegeben hat, in dem er die Lieferung der Taurus befürwortet, aber hinzugefügt hat, dass er das mit den Partnern in der EU abstimmen wolle. Und er fügte hinzu, dass Großbritannien und Frankreich ja schon Marschflugkörper an die Ukraine liefern, dass Deutschland daher also keine Kriegspartei werde, wenn es Taurus liefert.

Aufgrund des Timings kann man nicht ganz ausschließen, dass die Artikel auch den Sinn gehabt haben können, Merz zu unterstützen – frei nach dem Motto: „Seht her, was die Briten und Amerikaner alles tun und sie sind nicht im Krieg mit Russland, da können wir auch Taurus liefern, das wird keine Folgen haben!“

Das allerdings könnte sich irgendwann – und vielleicht schneller als man denkt – als Irrtum herausstellen.

Das Schweigen der deutschen Medien

Die beiden anglo-amerikanischen Artikel zeigen einmal mehr, in was für einem Tal der Ahnungslosen die deutschen Medien die Menschen in Deutschland halten. Über den Artikel der New York Times hat der Spiegel erst mit zwei Tagen Verspätung in einem nicht allzu langen Artikel berichtet. Offenbar brauchte man in der Spiegel-Redaktion zwei Tage, um sich zu überlegen, wie man mit der Information umgeht.

Das Ergebnis war ein Artikel mit der Überschrift „Zielkoordinaten ausgewählt, Frontverlauf mitbestimmt – So eng arbeiteten Amerikaner und Ukrainer im Krieg zusammen“ ( https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-krieg-so-eng-arbeiteten-amerikaner-und-ukrainer-zusammen-a-0de7a99b-ed59-466e-9050-b528b0633843 ), in dem der unbedarfte Spiegel-Leser erfahren konnte, dass die USA „noch enger in die Verteidigung der Ukraine eingebunden“ waren „als bislang bekannt“. Das Wort Kriegsbeteiligung sucht man in dem Artikel hingegen vergebens.

Und auch inhaltlich ist der Spiegel-Artikel ein Witz, denn er fasst den 30 Din-A4-Seiten langen Artikel der New York Times in nur 15 Absätzen zusammen. Der Artikel ist ein Paradebeispiel dafür, wie der Spiegel seine Leser unwissend hält.

Dass dieser nicht allzu lange Artikel der Spiegel-Redaktion offensichtlich trotzdem Kopfschmerzen bereitet hat und dass man sich beim Spiegel sehr genau überlegt hat, wie man das Kunststück fertig bringen könnte, über den Artikel der New York Times zu berichten und den Lesern gleichzeitig den brisanten Inhalt zu verschweigen, sieht man daran, dass als Autoren gleich zwei Spiegel-Redakteure genannt werden, die sich offenbar sehr den Kopf zerbrechen mussten.

Von dem Artikel der britischen Times wissen Spiegel-Leser hingegen noch immer nichts. Während ich diesen Artikel am späten Abend des 14. April schreibe, hat der Spiegel immer noch nicht über den Artikel der Times berichtet, der schon am frühen Morgen des 11. April veröffentlicht wurde.

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Quellen & Links

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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