Durch Illusion zur Wahrheit – Ein Vergleich von Shakespeares The Tempest (Der Sturm) und Huxleys Brave New World

Obwohl William Shakespeares The Tempest und Aldous Huxleys Brave New World über 300 Jahre trennen, verbinden beide Werke zentrale Fragen der menschlichen Existenz: Was bedeutet Freiheit? Welche Rolle spielt Wissen in der Machtausübung? Und was geschieht mit dem Menschen in einer künstlich kontrollierten Welt? Beide Werke nutzen eine isolierte Welt – sei es eine magische Insel oder ein hochtechnisierter Staat – um Gesellschaftskritik zu üben und den Menschen im Spannungsfeld zwischen Natur, Kultur und Herrschaft zu zeigen.

1. Macht durch Wissen: Prospero und die Weltregierung

In The Tempest herrscht Prospero über eine Insel mithilfe seines magischen Wissens. Er inszeniert eine komplexe Illusion, um seine Feinde zu konfrontieren, seine Tochter Miranda zu schützen und letztlich seine Macht zurückzuerlangen. Seine Herrschaft basiert nicht auf Gewalt, sondern auf Intellekt und Manipulation. Ähnlich nutzen in Brave New World die Weltkontrolleure Wissenschaft und Technik, um die Bevölkerung in einem permanenten Zustand künstlichen Glücks zu halten. Menschen werden genetisch gezüchtet, konditioniert und durch die Droge Soma ruhiggestellt. Beide Systeme – Prosperos Magie und Huxleys Technologie – dienen der Machterhaltung, zeigen jedoch auch deren Fragilität: Prospero entscheidet sich am Ende zur Entsagung, während Huxleys Welt an der Menschlichkeit des "Wilden" John zu zerbrechen droht.

2. Der „Wilde“ als Spiegel der Zivilisation

Ein bemerkenswerter Vergleichspunkt liegt in den Figuren Caliban (The Tempest) und John (Brave New World). Beide gelten als „Wilde“, weil sie außerhalb der jeweiligen dominanten Ordnung sozialisiert wurden. Caliban, Sohn der Hexe Sycorax, ist roh, körperlich und aufsässig – aber auch sprachlich ausdrucksstark und poetisch. Er repräsentiert den unterdrückten Anderen, den Kolonisierten. John hingegen wuchs in einer "primitiven" Reservation auf, wurde jedoch durch Shakespeare sozialisiert. Seine Bildung, seine Emotionen und seine Sehnsucht nach Tiefe kollidieren mit der flachen Glücksmaschinerie des Weltstaates. Beide Figuren spiegeln, was der Zivilisation fehlt: Natürlichkeit, Authentizität, echte Emotionen.

3. Shakespeare in Huxleys Welt

Die Verbindung zwischen den beiden Werken wird nicht nur thematisch, sondern auch textlich deutlich: Der Titel Brave New World stammt direkt aus The Tempest. Miranda ruft ihn aus, als sie zum ersten Mal Menschen außerhalb der Insel sieht: „O brave new world / That has such people in’t!“ – eine Zeile voller Staunen und Hoffnung. In Huxleys Roman wird diese Zeile jedoch ironisch gebrochen: John benutzt sie, um die künstliche Welt zu beschreiben, in der menschliche Beziehungen, Kunst und Religion abgeschafft wurden. Die ursprünglich naive Begeisterung wird zum bitteren Kommentar über eine Gesellschaft, die ihre Seele für Stabilität geopfert hat. So wird Shakespeare selbst zur kritischen Stimme innerhalb Huxleys Dystopie.

4. Hoffnung und Resignation

Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Werken liegt in ihrer Stimmung: The Tempest endet versöhnlich. Prospero vergibt seinen Feinden, befreit seine Diener und kehrt in die Gesellschaft zurück. Es ist eine Utopie der Vergebung und Einsicht. Brave New World hingegen endet mit der tragischen Selbstaufgabe Johns, der sich der Welt nicht anpassen kann. Seine Menschlichkeit ist in der perfekten Ordnung nicht vorgesehen. Wo Shakespeare auf die Möglichkeit von Entwicklung und Erlösung setzt, präsentiert Huxley eine Welt ohne Ausweg – und ohne echte Freiheit.

Fazit

The Tempest und Brave New World sind auf den ersten Blick grundverschieden – das eine ein Bühnenstück der Renaissance, das andere ein moderner Roman der Zwischenkriegszeit. Doch beide verhandeln universelle Themen: Macht, Wahrheit, Freiheit, das Fremde und die Gefahr totaler Kontrolle. Während Shakespeare noch an die heilende Kraft von Vergebung und Menschlichkeit glaubt, zeichnet Huxley eine erschreckend plausible Zukunft, in der diese Werte keinen Platz mehr haben. Die Verbindung der Werke liegt nicht nur in einer geteilten Zeile, sondern in der tieferen Einsicht: Ohne Wahrheit gibt es keine Freiheit – und ohne Menschlichkeit keine Zukunft.

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