Fr.-Chr. Jarczyk (1994) - Kapitel 20: "Johann Friedrich Zöllners »Briefe über Schlesien« - die Festung Neisse
»Die Friedrichstadt, zwischen der eigentlichen Festung und dem Fort Preußen, hat Ihm (d. i. Friedrich d. Gr.) ganz ihren Ursprung zu verdanken. Ehedem waren nämlich die Vorstädte sehr ansehnlich, und die größeste derselben war blühender, als die Stadt selbst. Im Jahr 1741 wurden sie bei der Eroberung fast gänzlich zerstöhrt, und da der König es nicht zuträglich fand, sie wieder herzustellen, um sie bei einer etwanigen künftigen Belagerung wieder verheert zu sehen, so legte Er diese Friedrichstadt an, die, außer den ansehnlichen Kasernen, ein paar recht hübsche breite Straßen hat. In den letztem Jahren trat der König, der sonst bei seiner Anwesenheit in der bischöflichen Residenz zu wohnen pflegte, hier in einer Apotheke ab, die auch der jetzige König (d. i. Friedrich Wilhelm II.) zu seinem Absteigequartier gewählt hat. In dieser Vorstadt sah ich noch das Dominikanerkloster, in welchem nur noch drei Mönche erhalten werden. Die Friedrichstadt ist allein Königlich, die ganze übrige Stadt dagegen Bischöflich; denn der Bischof von Breslau besitzt das ganze Fürstenthum Neisse als Grundherr.
Die Festungswerke werden, hauptsächlich wegen ihrer vortrefflichen Wassergräben, für die stärksten in Schlesien gehalten, und die schöne lnundationsschleuse, mittelst deren die umliegende Gegend unter Wasser gesetzt werden kann, macht sie noch unüberwindlicher. Das Fort Preußen, und eine kasamittirte Batterie, die mit der Vestung verbunden sind, beherrschen die Höhe jenseits der Neiße vollkommen. Da die ganze Stadt nur 530 Bürgerhäuser - in der eigentlichen Stadt 446, in der Vorstadt 45, und in der Friedrichstadt 30 - und 4.550 bürgerliche Einwohner hat, die Besatzung aber, für welche 6 Kasernen vorhanden sind, aus 2 Regimentern Infanterie, 4 Depotbataillonen, 1 Compagnie Artillerie
und 1 Compagnie Mineurs besteht: so sieht man fast nichts als Soldaten auf der Straße, zumal da jetzt auch die Beurlaubten hier sind. Neisse hat von Zeit zu Zeit durch Überschwemmungen unbeschreiblichen Schaden gelitten. Neben der lnundationsschleuseist an der Mauer eines Werkes ein Wassermaß angebracht, welches täglich beobachtet wird, um dem Gouverneur den jedesmaligen Stand des Wasser zu rapportiren. Die schrecklichste Wasserfluth verwüstete die Gegend im Jahr 1783. Sie stieg über die Brustwehr der sogenannten Enveloppe. Man sieht noch jetzt Spuren davon. Im Jahr 1786 trat das Wasser wieder aus seinen Ufern. Als man gerade beschäftigt war, Rettungsanstalten zu machen, kam die Nachricht von Friedrichs Tode; und jedermann war so bestürzt, und so voll Wehmuth darüber, daß eine geraume Zeit an keinen Wasserschaden und an keine Vorkehrungen dagegen gedacht ward.«
Post #1 15.01.2025 - Ich setze hier eine Informationskette zum 1994 von Franz-Christian Jarczyk veröffentlichten Buch "Neisse - eine kleine Stadtgeschichte in Bildern" fort. Es folgt hier nun das Kapitel Nr. 19 "Johnann Friedrich Zöllners »Briefe über Schlesien« – die Stadt Neisse"
"1792/93 erschienen in Berlin Zöllners »Briefe über Schlesien«. Darin wird über die Stadt berichtet:
»Neisse nimmt sich in der Ferne sehr gut aus. Zuerst erblickt man den spitzen Rathhausthurm, der unserm Nicolaithurme ähnlich, nur noch höher und feiner ist; dann zeigt sich die Pfarrkirche, die Jesuiten- und eine Kreuzherrnkirche, jede mit zwei Thürmen, und endlich die übrigen Gebäude mit den regelmäßigen Festungswerken. Die Bauart jst durchgängig in einem erträglichen Geschmacke. Viele Häuser verdienen schön genannt zu werden. Zwar stehen sie alle mit den Giebeln nach der Straße, und haben häßliche hölzerne Dachrinnen; aber sie sind gut abgeputzt und so verziert, daß die Giebelspitzen wenigstens versteckt werden. Überhaupt wird man allenthalben gewahr, daß seit längerer Zeit ein gewisser Wohlstand in der Stadt einheimisch gewesen ist. Die bischöfliche Residenz ist sehr ansehnlich und in einem edlen Geschmack erbaut. Der Ring ist ziemlich regelmäßig und ringsum von Gebäuden umgeben, die keinen üblen Eindruck machen. Der vorige König (d. i. Friedrich d. Gr.) hat viel zur Verschönerung der Stadt gethan, so gab er 1782 zur Erbauung von 15 Häusern, einer Schule und der evangelischen Kirche 20.000, und zur Ziegelbedachung im folgenden Jahre 3700 Rthlr.
Unter den Gebäuden, in der Stadt war mir das merkwürdigste die gothische Pfarrkirche. Ich konnte mich an dem majestätischen hohen Gewölbe, welches auf ungewöhnlich dünnen Pfeilern ruht, kaum satt sehn. Man weiß nicht, soll man es innige Vertraulichkeit mit der Kunst, oder Tollkühnheit nennen. daß der Baumeister es wagte, ein solches Gewölbe auf solche Pfeiler zu setzen! Das ehemalige Jesuiten-Collegium gefällt durch seine Regelmäßigkeit. Demselben gegenüber steht das Seminarium, welches weitläufig genug ist, aber nicht gut ins Auge fällt.
Auf den Straßen ist an den Garnmarktstagen lebhaftes Gewühl; denn Neisse ist der Hauptsitz dieses wichtigen Handels, weswegen auch in den Schlesischen Provinzialblättern bloß die Garnpreise, wie sie hier sind, angeführt werden. Am Sonnabend, da zugleich Getreidemarkt ist, kommen die Landleute aus der Nähe und Ferne, und verkaufen ihr Gespinst an hiesige Bürger, die es sortieren, in Schocke zählen, und packen. Montags finden sich die sogenannten Garnherrn (Kaufleute aus dem Gebirge) ein, und machen ihren Handel mit den Bürgern, die von diesem Verkehr, einen ansehnlichen Theil ihres Wohlstandes ziehen. Ein anderer, sehr beträchtlicher Erwerbszweig ist die Bierbrauerei, deren Gerechtigkeit auf 374 Häusern haftet, und die desto wichtiger wird. Da 61 Dörfer in der Nachbarschaft gezwungen sind, ihr Bier aus Neisse zu nehmen.
Ich habe immer mit Schrecken gelesen, daß die Sterblichkeit in Neisse so unverhältnißmäßig groß ist. In den Jahren, wo die Menschenzahl im Durchschnitt 4.590 Seelen betrug, wurden jährlich 200 geboren und 255 begraben. Es starb also der 18te Mensch, und in manchen Jahren beinahe der 17te. Jetzt ist mir diese Erscheinung sehr begreiflich. Die Stadt ist auf einem morastigen Boden erbaut, rings umher sind Wiesen und nasse Gründe. An der einen Seite fließt die Neiße und mitten hindurch die Biele. Die ganze Niederung, worin sie liegt, ist von Anhöhen umgeben, die den Luftzug hemmen. Die Stadt selbst hat keine großen freie Plätze, und die Straßen, von denen ich nur zwei ganz gerade und breit fand, sind im Verhältniß gegen die Höhe der Häuser zu enge. Die Luft kann also nicht anders als ungesund seyn; und der größte Theil der Einwohner kann nur selten eine bessere Atmosphäre einathmen; weil er sich, wegen des frühen Thorschlusses, nach dem Feierabend nicht weit von den Mauern entfernen darf. Ein Hauptgrund der Sterblichkeit ist aber noch die schlechte Beschaffenheit des Trinkwassers. Es wird durch ein Druckwerk aus der Biele in Röhren geleitet. Die Wohlhabenden lassen sich ihr Wasser aus fernen Quellen, sonderlich aus dem Rochusbrunnen, über eine Viertelmeile weit, holen."